Seit Jahren hatte ich mir vorgenommen, dem Cerchov bei günstiger Gelegenheit einen Besuch abzustatten. Die Fernsichtmöglichkeiten von dem tschechischen Berg sind außergewöhnlich; durch seine zurückgesetzte Position nordwestlich des Bayerischen Waldes reicht seine Höhe von 1042 Meter aus, um einige ferne Alpengipfel bei entsprechenden Bedingungen sehen zu können.
Schon bei meiner Anreise nahm ich zwischen Nürnberg und Arnberg eine stabile Inversiosschicht wahr, die sich wie erhofft recht niedrig über die Landschaft "legte". So stiegen meine Hoffnungen bis zum Zielort Waldmünchen, den ersten Haken unter meine ToDo-Liste des Kurzurlaubs setzen zu können. Um 14 Uhr, nach dreieinhalb Stunden Fahrt, parkte ich am Keilbürgerl und ging unverzüglich den Aufstieg an. Allerdings wurde ich jäh gebremst, denn kaum war ich am Wald angelangt, empfing mich eine Absperrung "Stop Forstarbeiten". In der Ferne dröhnende Motorsägen unterstrichen die Ernsthaftigkeit des Schildes, sodass ich lieber einen kleinen Umweg machte, als Bekanntschaft mit Bäumen oder verägerten Männern zu machen. Nichtsdestotrotz dauerte es nur eine Stunde, bis ich das verwaiste Gipfelplateau erreicht hatte und die arg begrenzte Aussicht (der Turm war verschlossen) im Fernglas unter die Lupe nahm. Während man den Großvenediger ohne große Mühe ausmachen konnte, dauerte es bis zum Sonnenuntergang, bis sich das Karwendel- und das Wettersteingebirge zeigten. Bei eisigem Wind harrte ich knapp zwei Stunden auf dem Gipfel aus, was dafür sorgte, dass mein Körper zur „Crunchtime“ trotz Winterverpackung kräftig zitterte. Vorzeitig wieder zu gehen kam natürlich nicht in Frage, schließlich wusste ich, dass ich diese Chance nicht mehr so schnell bekomme. Außer meiner Wenigkeit machte sich eine Handvoll Tschechen auf den Weg zum Gipfel, zu einem Austausch kam es dabei nicht.
Rund eine Viertelstunde, nachdem die Sonne im Nebel untergegangen war, wagte ich mit dem 300er eine letzte (freihändige) Serie bei ISO 2500, für ich einmal die Position wechseln musste. Das Panorama reicht vom Hochkalter (202 km) bis zur Zugspitze (255 km), der Dachstein lag zu diesem Zeitpunkt schon im Dunkeln. Für die maximale Fernsicht zum Breiter Grieskogel (285 km) war die Dunstschicht zu hoch, dafür reichte es immerhin zu den Zillertalern in (Süd-)Tirol. Der Cerchov dürfte einer der nördlichsten natürlichen Standorte sein, von dem man nach Italien sehen kann; hierzu würde ich interessieren, welche Berge ihm diesbezüglich Konkurrenz machen.
Zeitpunkt: 16.25 Uhr
15 QF-Aufnahmen á 300 mm
Mario Arlt, Hans-Jürgen Bayer, Peter Brandt, Jörg Braukmann, Hans-Jörg Bäuerle, Friedemann Dittrich, Heinz Höra, Andreas Kiefl, Wilfried Malz, Jan Lindgaard Rasmussen, Arne Rönsch, Werner Schelberger, Björn Sothmann
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Kommentare
Vom nahen 200m niedrigeren Klammerfels habe ich vor einigen Jahren nachmittags eine Teil der Alpenkette festgehalten: http://panoramen-und-natur.de/index.php/panorama-alpen-aus-der-ferne/75-klammerfels
LG Wilfried
Und die Beschreibung Deiner Erreichung des Cerchov war richtig spannend.
Das Rauschen ist allerdings deutlich zu bemerken.
Lieber in RAW mit (deutlicher) Unterbelichtung aufnehmen und anschließend meist ohne Verluste aufhellen wäre evtl. besser.
LG Jörg
@Wilfried: Den Cerchov habe ich schon mehrfach in der Literatur als höchsten Berg des Oberpfälzer Waldes gelesen. Dieser Gebirgsstock ist geologisch durch eine Landesgrenze wohl nicht getrennt außer in der Bezeichnung. Aber das ist spitzfindig.
LG
Dann, als wir schon gehen wollten, hatten wir das Glück, dass für eine angemeldete Reisegruppe kurz geöffnet wurde und wir mit hochhuschen durften.
Da war die Sicht aber höchst mittelmäßig - kein Vergleich zu deinen Fernblicken.
Zu den Namen und Abgrenzungen noch eine Bemerkung: Die sind ja immer menschengemacht und nie in Stein gemeißelt. Mitunter verschieben sich die Bedeutungen auch.
Ich würde aber keinesfalls "Cesky Les" mit "Böhmerwald" übersetzen, weil diese deutsche Bezeichnung traditionell immer mindestens das meint, was auf tschechisch "Sumava" ist.
"Böhmischer Wald" gefällt mir da als Übersetzung besser, wobei "Cesky Les" und "Oberpfälzer Wald" eigentlich auch schon genügen dürften, um dieses eine Gebirge zu beschreiben.
Meine D500 hat durch Überhitzung einen toten Punkt auf dem Sensor, weshalb ich sie nur noch beim Sport einsetzen kann. Die Aufnahmen habe ich mit der D850 gemacht, zusätzlich hatte ich die D750 dabei.
@Heinz
Danke für den Hinweis, die Fernsichtliste muss ich demnächst mal aktualisieren.
@Jörg N
Das habe ich natürlich gemacht, allerdings war da nicht mehr viel zu retten. Weil das kleiner 300er stark vignettiert und bei kürzeren Verschlusszeiten der Bildstabilisator (mitunter) spinnt, drehte ich bei dieser letzten Serie die Empfindlichkeit hoch. Alle anderen Aufnahmen erwiesen sich (bei manuellem Fokus und zwei Positionswechseln) als unbrauchbar; ich bin froh, dass ich überhaupt Material zum Stichen hatte. Ohne Aussichtsturm bietet der Cerchov einzig und allein dieses Blickfenster – wenn man alle freie Stellen die Bäume und Sträucher ausblendet.
@Jörg B
Ich habe die Webcams auch studiert, musste allerdings arbeiten. Da gab es bisher schon einige Tage mit diesen Bedinungen, hoffentlich war das nur der Anfang :)
https://www.mittelbayerische.de/region/cham/gemeinden/waldmuenchen/in-welchem-wald-liegt-waldmuenchen-21023-art1310753.html
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